Love hurts?
Wie wir alte Überlebensprogramme und ungelöste Bindungstraumata mit Liebe verwechseln.
In den letzten Wochen hat mir das Leben einige Male einen kollektiven Glaubenssatz unserer Gesellschaft vor die Füße gespült: Love hurts. Diese Vorstellung ist mir in Gesprächen mit Freund:innen begegnet, aber auch in Büchern und Songtexten. Die Vorstellung, dass Liebe weh tun muss, ist tief in unseren Köpfen verankert.
Fast drei Jahrzehnte lang habe ich dieses Narrativ nie hinterfragt. Mittlerweile sehe (und erlebe) ich das, zum Glück, völlig anders.
Liebe tut nicht weh. Liebe ist angenehmes, warmes, weiches, durch und durch schönes Gefühl, das sich gut anfühlt. Liebe verbindet, Liebe heilt. Liebe überwindet Grenzen und öffnet Räume. Wo Liebe ist, kann Wachstum und Entwicklung passieren – individuell wie kollektiv.
Klar, auch in gesunden Beziehungen zwischen erwachsenen, emotional reifen Menschen gibt es Konflikte, die durchaus schmerzhaft sein können. Und ja, auch solche Beziehungen können zu Ende gehen – mit all dem Schmerz, der dazugehört. Aber: Wenn wir sagen, “Liebe tut weh”, dann reden wir von etwas ganz anderem.
Wenn wir Liebe mit Bindungstraumata verwechseln
Wie ganz viele andere Menschen auch habe ich in den allerersten Bindungserfahrungen meines Lebens gelernt: In Beziehungen gibt es Liebe – aber nur ab und zu, ein bisschen; dann, wenn ich alles richtig mache. Vor allem gibt es in Beziehungen aber ganz viel Schmerz und Leiden. Enttäuschungen, Abweisungen, Unberechenbarkeit. Aggression, Schweigen, emotionale Kälte, Abwertungen, verbale Gewalt.
So habe ich zwei Dinge gelernt: So sind Beziehungen eben. Und: Um geliebt zu werden, muss ich mich anstrengen und mich anpassen. Ich muss spüren, was mein Gegenüber braucht, und alles tun, um das zu erfüllen. Dabei muss ich mich selbst und meine eigenen Bedürfnisse komplett zurücknehmen – manchmal sogar so sehr, dass ich mich bis zur Unkenntlichkeit verbiege.
Diese Vorstellung habe ich fast 30 Jahre lang unhinterfragt meinen Beziehungen zugrunde gelegt – vor allem in romantischen Beziehungen, aber auch in Freundschaften, familiären Konstellationen und beruflichen Kontexten.
So habe ich mich auch als Erwachsener immer wieder in Beziehungen wiedergefunden, in denen zwar schon so etwas wie Liebe da war – aber eine Art von Liebe, die an Bedingungen geknüpft ist. Eine Liebe, um die ich kämpfen muss. Eine Liebe, die fordert und manipuliert, bewertet und abwertet. Eine Liebe, die keine Rücksicht auf meine Bedürfnisse nimmt, die mir abverlangt, mich selbst zu vergessen, die mich dazu bringt, gegen meine Intuition und meinen inneren Kompass zu handeln – und die trotzdem nie genug ist. Eine Liebe, die weh tut.
Das war mir lange nicht bewusst. Rückblickend habe ich mir diese Riesenladung Schmerz (unbewusst) wahrscheinlich erklärt mit: “So ist Liebe eben.” Weil ich gar nicht wusste, dass es auch anders geht. Weil mir ganz einfach die Referenzen dafür gefehlt haben, wie sich gesunde Beziehungen und echte Liebe anfühlen. Weil ich früh im Leben gelernt habe, den Fehler zuallererst bei mir zu suchen und alles zu tun, um geliebt zu werden.
Diese Beziehungen, die von unsicheren Bindungsmustern geprägt sind, haben sich für mich als erwachsenen Mann lange sehr aufregend und intensiv angefühlt, dramatisch, “leidenschaftlich”, herausfordernd – und irgendwie auch vertraut. “Das kenne ich”, war die unbewusste Rückmeldung aus meinem System, “das muss Liebe sein”. Traurig, oder? Und weiter: “Wenn ich es diesmal richtig mache, dann bekomme ich vielleicht endlich die Liebe, die ich damals nicht bekommen habe.”
Es hat einige Jahre Psychotherapie und ein paar Extra-Runden (“lessons in life will be repeated until learned”) gebraucht, dass ich heute mit absoluter Sicherheit weiß: Nur, weil sich etwas vertraut anfühlt, ist es noch lange nicht gut für mich. Intensität ist nicht das Gleiche wie Echtheit, Chaos hat nichts mit Lebendigkeit zu tun, tiefe Verbundenheit ist auch ohne Schmerz möglich und Abhängigkeit ist nicht dasselbe wie Nähe. Liebe, die auf Angst und Schmerz basiert, ist keine Liebe, sondern ein Überlebensmechanismus aus der Kindheit. Liebe, die weh tut, ist das Echo ungelöster Bindungstraumata.
Echte Liebe?
“Eigentlich mag ich unaufgeregte Dinge”, habe ich vor zwei Jahren während eines Schweige-Retreats in mein Notizbuch geschrieben. Ob ich in diesem Moment über romantische Beziehungen nachgedacht habe oder über das Leben im Allgemeinen – ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls ist mir dieser Satz heute wieder eingefallen. Zwei Jahre später würde ich ergänzen: “Mittlerweile mag ich unaufgeregte Beziehungen.” Unaufgeregt, im positivsten Sinne – so fühlen sich gesunde, sichere Beziehungen für mich an.
Seit einiger Zeit bin ich in so einer Beziehung. Anfangs war das für mich sehr ungewohnt, ja, sogar fast ein bisschen langweilig. Wenn ich mich nicht ständig anstrengen muss oder gefordert bin, mich zu beweisen – kann das dann wirklich Liebe sein? Ist das überhaupt eine richtige Beziehung, wenn ich nicht die ganze Zeit an mir selbst etwas verändern und verbessern muss, oder Verantwortung für die andere Person übernehmen muss, in der Hoffnung, dass es irgendwann schön und gut sein wird?
Diese Phase war für mich sehr schwierig, weil ich ständig hinterfragt habe: Ist es das wirklich? Bin ich wirklich verliebt? Fehlt hier nicht eigentlich was? Es hat mich einiges an Überwindung gekostet, das anzusprechen, und war auch für meine Partnerin und unsere Beziehung nicht einfach. Dieses Phänomen ist übrigens sehr gut dokumentiert, google: Why healthy relationships feel boring after toxic relationships.
Echte Liebe!
Mittlerweile habe ich eine ganz gute Vorstellung davon, wie sich echte Liebe anfühlen kann – in romantischen, aber auch allen anderen Beziehungen. Echte Liebe ist kein nervenaufreibendes on & off, kein heiß & kalt, keine emotionale Achterbahnfahrt – sondern fühlt sich sicher und konstant an, auch in Konfliktsituationen. Echte Liebe respektiert persönliche Freiräume und Grenzen – und bestraft nicht mit Schuldzuweisungen oder Rückzug, wenn Grenzen oder Bedürfnisse respektvoll kommuniziert werden.
Echte Liebe lässt mich sein, wie ich bin, mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen, aber auch Ecken und Kanten – ohne, dass ich mich ständig beweisen oder rechtfertigen muss. Das bedeutet umgekehrt aber nicht, dass ich mit anderen Menschen umgehen kann, wie ich will. Weil: Echte Liebe übernimmt Verantwortung – für das eigene Handeln, für die eigenen Gefühle, für das eigene Leben.
Echte Liebe klammert sich nicht an das Bild einer Person, wie sie irgendwann vielleicht sein könnte, sondern sieht ehrlich und klar das Hier und Jetzt. Echte Liebe nimmt das Gegenüber als Mensch wahr und nicht als Objekt, um eigene, unerfüllte Bedürfnisse zu befriedigen oder ein bestimmtes Bild nach außen zeigen zu können.
Echte Liebe macht keinen Druck, sondern wächst im eigenen Tempo. Echte Liebe kennt auch Konflikte und Reibungen, aber fordert nicht ständig heraus. Echte Liebe darf sich über weite Strecken einfach schön und gut und angenehm anfühlen – ohne ständig auf der Hut sein zu müssen. Echte Liebe schafft Raum für Wachstum und Entwicklung – nicht, weil eine Person die andere verbessern will, sondern weil man sich gegenseitig inspiriert und gemeinsam eine Aufwärtsspirale hinaufsegelt.
“Liebe”, die weh tut, weil sie auf Bindungstraumata basiert, sagt: “Wenn du mich wirklich liebst, dann…”
Echte Liebe sagt: “Ich liebe dich, und…”
„You must love in such a way that the person you love feels free.“
Thích Nhất Hạnh
Wie geht es dir mit dieser Thematik? Wie sind deine Erfahrungen mit “Liebe”, die weh tut? Wie fühlt sich “echte” Liebe für dich an? Möchtest du mir etwas sagen oder mich was fragen? Du kannst gerne unten einen Kommentar hinterlassen oder einfach auf diese Nachricht antworten. Ich freue mich, von dir zu hören :)
Bis in zwei Wochen!
Alles Liebe,
Jakob
Danke fürs Lesen! Mein Name ist Jakob Bouchal, ich arbeite als systemischer Coach und psychosozialer Berater in Wien. Zu sein, wer du wirklich bist, und das Deine authentisch und freudvoll in die Welt zu bringen – dabei unterstütze ich dich gerne.
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Wunderbar! Danke für deinen Text und die wichtigen Worte.
Toller Text! <3