Zen und die Kunst des Toilettenputzens
Achtsamkeit im Alltag, Verbundenheit mit der Natur, pragmatischer Minimalismus: Impulse für ein einfaches, erfülltes, gutes Leben aus dem Film "Perfect Days"
Letzte Woche habe ich einen Film gesehen, der mich sehr berührt hat. “Perfect Days” begleitet den fiktiven Charakter Hirayama durch seinen Alltag als Reinigungskraft für öffentliche Toiletten in Tokyo. Diese Arbeit erfüllt er mit Hingabe, Genauigkeit und Würde.
Seine Tage sind geprägt von Routine und Ritualen: Nach dem Aufstehen besprüht er seine Pflanzen, drückt sich am Getränkeautomaten einen Kaffee runter; im Auto am Weg in die Arbeit hört er Lou Reed oder Patti Smith auf Kassette. Die Mittagespause verbringt er im Park, wo er, jeden Tag, ein Sandwich isst und die Bäume fotografiert; vorm Einschlafen liest er im Bett.
An Wochenenden zieht er statt dem blauen Arbeitsoverall das graue Hemd an, bringt die Wäsche zum Waschsalon, lässt die Fotos der Bäume entwickeln. Er kauft neue Bücher, immer im selben Laden, und isst immer im selben Restaurant. Seine Wohnung ist winzig und bescheiden eingerichtet: Bücher, Kassetten und Pflanzen, die er im Park als Ableger sammelt und zu Hause eintopft.
Ich habe gelernt: Im Japanischen gibt es ein eigenes Wort für das Sonnenlicht, das durch die Blätter von Bäumen auf den Boden fällt. 木漏れ日 Komorebi setzt sich zusammen aus 木 (ko) – Baum, 漏れ (more) – durchdringen oder hindurchsickern, 日 (bi) – Sonne oder Sonnenlicht. Weil sich das Lichtspiel durch den Wind und die Bewegung der Blätter ständig verändert, beschreibt Komorebi auch das emotionale Erleben eines friedlichen, flüchtigen Moments. Das finde ich sehr schön.
Auch wenn Hirayama auf den ersten Blick einsam wirkt, zeigt der Film viele schöne Begegnungen, oft auch mit Fremden, die zwar flüchtig, aber von einer tiefen Verbundenheit geprägt sind. Nach und nach werden Hinweise auf sein früheres Leben gestreut, auf seine Familiengeschichte, die eine andere Dimension erahnen lassen. Darauf möchte ich hier aber nicht eingehen, weil das ohne Spoiler nicht möglich wäre.
Ein einfaches Leben?
In mir hat der Film eine tiefe Sehnsucht nach einem einfacheren Leben ausgelöst. Hirayama, so scheint es, ist mit sich selbst weitgehend im Reinen; er wirkt auf mich wie ein Mann, der seinen Seelenfrieden gefunden hat. Nach außen scheint sein Leben bescheiden und spärlich zu sein, für ihn aber ist es reich und lebendig: Musik und Literatur erfüllen ihn mit Freude; seine Fähigkeit, die kleinen Dinge wertzuschätzen, lässt ihn viele schöne Momente erleben.
Schon lange beschäftigt mich die Frage, wie ich mein Leben einfacher gestalten könnte. Das Tempo, die vielen Eindrücke und Möglichkeiten der Großstadt überfordern mich oft. Dinge, die mir eigentlich Spaß machen und mir guttun, drohen mich zu überrollen, weil ich das Gefühl habe, ich muss zu viele Entscheidungen treffen. Dazwischen verplempere ich auf Bildschirmen meine Lebenszeit in digitalen Konstrukten und Luftschlössern.
Die Rituale und Routinen von Hirayama in “Perfect Days” haben mich an einige Punkte erinnert, die ich – mal mehr, mal weniger erfolgreich – versuche, in meinem Leben umzusetzen.
🟢 Achtsam, langsam und präsent durchs Leben zu gehen hilft mir, Schönheit in den alltäglichen, kleinen Dingen zu finden. Es muss nichts Außergewöhnliches passieren, damit ein Tag besonders oder bedeutsam ist. Das Spiel des Sonnenlichts unter dem Blätterdach der Bäume. Ein Kind, das mich in der Straßenbahn anlächelt. Ein Nickerchen am Samstagnachmittag, wenn die Sonne in die Wohnung scheint. Wenn ich gestresst bin oder das Handy in der Hand habe, übersehe ich diese schönen Momente und Gelegenheiten; ich kann mich nicht darauf einlassen und sie ziehen unwiederbringlich vorbei.
🟢 Verbundenheit mit der Natur ist auch in der Großstadt möglich. Jeden Morgen, wenn Hirayama seine Wohnung verlässt, richtet sich sein Blick zuallererst zum Himmel. Die Mittagspause verbringt er im Park, wo er, bevor er wieder zu seiner Arbeit zurückkehrt, mit einem Lächeln im Gesicht den Bäumen dankbar und wertschätzend zunickt. Vor ein paar Wochen habe ich darüber geschrieben, dass ich im Frühling die blühenden Bäume fotografiere und mir das hilft, die Jahreszeiten bewusster wahrzunehmen. Wenn ich in der Stadt unterwegs bin und Zeit habe, entscheide ich mich an Kreuzungen für die Straße, in der es mehr Grün gibt. Mit einer App bestimme ich die Vogelstimmen und erkenne mittlerweile die meisten Vögel, die vor meinem Fenster singen. Diese kleinen Rituale nähren in mir ein sehr schönes Gefühl, eingebettet zu sein in größere Abläufe und Zyklen.
🟢 Materieller Besitz zieht mich runter und macht mich unfrei. Hirayamas Wohnung ist fast leer, alles hat seinen Platz. Davon bin ich leider noch weit entfernt, aber ich versuche seit Jahren, meinen materiellen Besitz zu reduzieren und mich von Dingen zu trennen, die ich nicht wirklich brauche. Bevor ich etwas kaufe, überlege ich mir ehrlich, ob ich es wirklich brauche oder nur ein momentanes Gefühl der Leere in mir füllen möchte: Will ich mich, wieder mal, glücklich kaufen? Je weniger Dinge in meiner Wohnung herumstehen, je leerer die Schubladen sind, je weniger Kleidungsstücke morgens zur Auswahl stehen – desto freier fühle ich mich.
🟢 Jede Tätigkeit kann erfüllend sein, wenn ich wirklich präsent bin. Okay, fast jede Tätigkeit. Obwohl Hirayamas Arbeit repetitiv ist und gesellschaftlich wenig Prestige hat, ist sein Ziel nicht, das Toilettenputzen möglichst schnell hinter sich zu bringen. Tag für Tag arbeitet er mit mit Sorgfalt und Hingabe. Mit diesem Zugang versuche ich an Tätigkeiten heranzugehen, die mir weniger Spaß machen. Das gelingt mir mal mehr, mal weniger. Dazu möchte ich einen Auszug aus dem Buch “The Miracle of Mindfulness” des Zen-Meisters Thích Nhất Hạnh teilen:
“There are two ways to wash the dishes. The first is to wash the dishes in order to have clean dishes and the second is to wash the dishes in order to wash the dishes.
If while washing the dishes, we think only of the cup of tea that awaits us, thus hurrying to get the dishes out of the way as if they were a nuisance, then we are not “washing the dishes to wash the dishes.” What’s more, we are not alive during the time we are washing the dishes.
In fact we are completely incapable of realizing the miracle of life while standing at the sink. If we can’t wash the dishes, the chances are we won’t be able to drink our tea either. While drinking the cup of tea, we will only be thinking of other things, barely aware of the cup in our hands. Thus we are sucked away into the future – and we are incapable of actually living one minute of life.”
Thích Nhất Hạnh
Wenn du gerne ruhige, nachdenkliche Filme magst: “Perfect Days” läuft aktuell auf MUBI, im japanischen Original mit deutschen Untertiteln – was kein Problem ist, weil kaum gesprochen wird. Du kannst ihn sogar kostenlos anschauen, wenn du ein Probeabo abschließt. Für diese Werbung werde ich leider nicht bezahlt.
“Stop trying to leave, and you will arrive.”
Lao Tzu
Wie geht es dir? Sehnst du dich auch nach einem ruhigeren, einfacheren Leben? Wo gelingt dir das schon gut, wo ist es vielleicht noch schwieriger? Hast du den Film auch gesehen, wie hat er dir gefallen? Möchtest du mir etwas sagen oder mich was fragen? Du kannst gerne unten einen Kommentar hinterlassen oder einfach auf diese Nachricht antworten. Ich freue mich, von dir zu hören :)
Bis in zwei Wochen!
Alles Liebe,
Jakob
Danke fürs Lesen! Mein Name ist Jakob Bouchal, ich arbeite als systemischer Coach und psychosozialer Berater in Wien. Zu sein, wer du wirklich bist, und das Deine authentisch und freudvoll in die Welt zu bringen – dabei unterstütze ich dich gerne.
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Hab den Film sehr genossen. Darin ist mehr von der Essenz des Zen als in manch anderem Film. In 20 Jahren Zen Praxis habe ich viele Klos in Klöstern geputzt. Auf drei Kontinenten. Wer das Klo nicht putzen kann oder mag, der wird auf dem Meditationskissen auch nicht weit kommen.
Hab den Film schon lange auf der Watchlist, das war jetzt die Erinnerung, die ich brauchte. Sehr, sehr schöner Text und mir geht es in so vielen Punkten ähnlich wie dir. Danke fürs Teilen. Mache jetzt ein Nickerchen :)