Hochnebel
Selbstfürsorge an grauen Tagen: Ein Plädoyer für Normalisierung und Entpathologisierung von unangehmen Gefühlen
Der Wecker läutet, ich drehe mich nochmal um. Überlege, heute einfach im Bett zu bleiben, entscheide mich dann aber doch, aufzustehen. Vorhang auf für die graue Welt. Ich öffne das Fenster, eiskalte Luft streicht über mein Gesicht. Müde tapse ich in die Küche, am Weg schalte ich alle Lichter ein.
Der Wasserkocher fängt an zu knacken und zu fauchen. Eine der Tulpen in der Vase lässt den Kopf hängen, ich fühle mit ihr. Ich öffne den Laptop, das Metall fühlt sich kühl an, und tippe in die Suchleiste: Wetter Wien. Ich überfliege die Prognose für die nächsten Tage. Heute bleibt es trüb durch Nebel oder Hochnebel. Morgen, Dienstag: Zäher Hochnebel und kalter Wind. Übermorgen, Mittwoch: Nebel, Wolken und zeitweise Regen. Der weitere Trend: Hartnäckiger Nebel oder Hochnebel, weiterhin grau in grau und zeitweise etwas Regen. Ich schließe den Laptop, zerbreche die getrockneten Lindenblüten im Teesieb und übergieße sie mit heißem Wasser.
Flüchtiger Dampf kräuselt sich an der Oberfläche des Tees, steigt auf und wird zu Luft. Die Tasse wärmt meine Hände, der Tee riecht nach Sommer. Seit Wochen liegt ein dichter Hochnebel über Wien. Mit ihm hat sich eine unsichtbare Trägheit über die Stadt gelegt, als hätte jemand die Schwerkraft ein paar Prozent erhöht. Ich spüre das nicht nur in mir selbst, sondern nehme es auch bei vielen anderen Menschen wahr. Langsame Schritte, müde Blicke. Weniger Blickkontakt mit Fremden auf der Straße, weniger Lächeln. Über meinen Augen hat sich eine Anspannung festgesetzt, die mich stets leicht die Stirn runzeln lässt und meine Augenlieder nach unten drücken will. Abends gehe ich schlafen und habe das Gefühl, den ganzen Tag nicht richtig wach gewesen zu sein.
Seit einiger Zeit versuche ich einen längeren Text fertigzustellen, komme aber nicht weiter. Das frustriert mich zunehmend. Heute habe ich mir endlich eingestanden, dass offenbar jetzt gerade nicht die richtige Zeit dafür ist. Nach einem langen Blickduell mit dem blinkenden Cursor habe ich die Idee beiseitegelegt und schreibe jetzt stattdessen darüber, wie es mir gerade geht: Ich bin müde und erschöpft, habe aktuell nicht so viel Energie, mein Geduldsfaden ist kürzer. Die politische Großwetterlage geht mir näher als sonst, ich bin pessimistischer, manchmal auch sehr zynisch. Und das ist okay so.
Unsere Gesellschaft pathologisiert Gefühle, insbesondere die unangenehmen. Will sie lieber analysieren als sie zu fühlen, belegt sie mit Krankheitswert und will sie wegtherapieren. Darauf falle ich immer wieder hinein. Klar, es macht Sinn, mir zu überlegen, warum es mir so geht. Mache ich genug Bewegung, schlafe ich genug, bekomme ich genug Vitamin D3? Bin ich zu wenig unter Menschen, oder zu viel?
Die viel wichtigere Frage ist aber: Was brauche ich jetzt gerade? Was würde mir, meinem Körper, meinem System jetzt gerade gut tun? Die Antworten kommen schnell und unmissverständlich. Couch, Kuscheldecke, Wärmeflasche, ein spannendes Buch vielleicht. Mehr Pausen, mehr Ruhe, mehr Zeit für mich. Aufgaben loslassen oder verschieben, weniger Termine. Und mich immer wieder daran erinnern: Gefühle sind keine Probleme, die ich lösen muss, sondern Signale meines Körpers, die mir zeigen, was ich jetzt gerade brauche.
Wie geht es dir? Kommst du gut durch diesen kalten Winter? Wie gelingt es dir, auch unangenehme Gefühle als normale Bestandteile des Lebens zu sehen? Vielleicht sogar als wichtige Wegweiser? Wenn du möchtest, kannst du unten einen Kommentar schreiben oder auf diese E-Mail antworten, nur an mich – so oder so freue ich mich, von dir zu lesen! Du kannst dieses E-Mail auch gerne an andere Menschen weiterleiten.
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Alles Liebe
Jakob
Danke fürs Lesen! Mein Name ist Jakob Bouchal, ich arbeite als systemischer Coach und psychosozialer Berater in Wien. Deinen Platz in dieser Welt zu finden und voll im Kontakt zu sein mit dem Leben – dabei begleite ich dich gerne!
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An manchen Tagen
Hallo aus der Sommerpause! Ich habe im Urlaub ein kurzes Gedicht geschrieben. Es kostet mich einiges an Überwindung, es zu veröffentlichen. Hier ist es: An manchen Tagen blicke ich zurück und finde nichts was zählt. Fühl‘ keinen Stolz, bin unzufrieden, sehe nur, was fehlt.
Was braucht das Kind in dir heute?
In den letzten Jahren habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass ich etwas zwar im Kopf verstanden habe, mir im Alltag aber trotzdem schwertue, diese Erkenntnis umzusetzen. In körperorienterten Therapiemethoden spricht man in diesem Zusammenhang von einem embodiment gap.
Heute habe ich nichts zu sagen.
Vor gut drei Monaten habe ich meinen inneren Kritiker liebevoll an der Hand genommen und mich endlich getraut, dieses Format zu starten. Ich habe mir vorgenommen, alle zwei Wochen etwas zu schreiben und auch zu veröffentlichen – egal, ob ich damit zufrieden bin, oder das Gefühl habe, “fertig” geworden zu sein.







Hat mich sehr berührt! Es ist auch an Tagen im Sommer manchmal grau in mir, aber im Winter ist das natürlich tatsächlich ein bisschen öfter so. Genauso wie du das auch beschreibst. Sich dann selbst zu erlauben den Tag Tag sein zu lassen und einfach auf den Körper zu hören ist, glaube ich der schwierigste Teil daran besonders wenn man alles frei selbst entscheiden kann.
In letzter Zeit brechen meine Gefühle einfach raus, machen es mir schwer, sie in mir drin zu halten, sind mehr und doller als sonst. Ich vermute eine Kombination aus Perimenopause (Hallo Östrogenmangel) und Denkmustern, über die ich mal in einer Therapiesitzung sprechen sollte (und Wetter und Weltlage schon auch). Ja, da ist dann viel analysieren, aber es fühlt sich so an, als wäre da ein Ungleichgewicht in meinen Gefühlen.