Über Bildschirmzeit und Selbstwert: Looking for love in all the wrong places
Wie uns unsere Lebenszeit durch die Finger rinnt, weil wir unsere Gefühle nicht fühlen wollen
Neulich habe ich mir ausgerechnet: Bei meiner derzeitigen, durchschnittlichen Bildschirmzeit von ca. 1h45 pro Tag verbringe ich jedes Jahr 639 Stunden am Handy – oder knapp vier Wochen. Ufff.
Die durschnittliche Lebenserwartung für Männer in Österreich liegt derzeit bei 80 Jahren. Davon werde ich, wenn ich so weitermache, 29.382 Stunden in mein Handy schauen. Wenn ich pro Tag acht Stunden schlafe und 16 Stunden wach bin, dann wären das ab heute bis zu meinem (statistischen) Tod fünf volle Jahre, an denen ich jeden Tag, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, ununterbrochen auf meinem Handy herumwische. Hilfe.
Gabor Maté, ein ungarisch-kanadischer Arzt und führender Experte für Sucht und Trauma, definiert Sucht so: Ein Verhalten, das mir kurzzeitig ein angenehmes Gefühl gibt, langfristig aber negative Folgen für mich hat – und eine Unfähigkeit oder Unwilligkeit, damit aufzuhören. Das ist Sucht. Nach dieser Definition muss ich mir eingestehen: Ich bin süchtig. Nach meinem Telefon, unter anderem.
Warum die Sucht?
Wenn ich mir genauer anschaue, womit ich diese Stunde und 45 Minuten jeden Tag verbringe, werde ich auch nicht wirklich schlauer. Vor allem WhatsApp, E-Mail, Browser, solche Dinge – auf den ersten Blick eigentlich “sinnvolle” oder “produktive” Apps. Social Media nutze ich schon lange nicht mehr am Handy, nur am Computer. Das gleiche gilt für Nachrichten-Websites, die ich am Handy blockiert habe.
Erst als ich mir anschaue, wie oft ich pro Tag mein Handy entsperre, komme ich dem Kern des Problems näher. Zwischen 100 und 150 Entsperrungen sind es jeden Tag, meist eher gegen 150. Das hätte ich deutlich niedriger eingeschätzt. An einem Tag, an dem ich 16 Stunden wach bin, entsperre ich mein Handy im Schnitt alle sechseinhalb Minuten. Das passiert oft automatisch und unbewusst; ein anderes Wort dafür wäre zwanghaft.
Wie Smartphones und Apps das Belohnungssystem unseres Gehirns kapern und uns mit Dopamin-Ausschüttungen immer wieder dazu bringen, zu checken, ob es etwas Neues gibt, ob uns jemand geschrieben hat – das möchte ich an dieser Stelle nicht wiederkäuen.
Warum der Schmerz?
Nochmal Gabor Maté: Sucht ist ein Versuch, ein Problem zu lösen. Dieses “Problem”, schreibt er, kann emotionaler Schmerz sein, ungelöste Kindheitstraumata, aber auch Stress, soziale Entwurzelung und strukturelle Ungleichheit in einer toxischen Kultur. Und weiter im Zitat: Frage also nicht: “Warum die Sucht?”, sondern: “Warum der Schmerz?”
Wenn ich ganz ehrlich bin, suche ich am Handy oft nicht Informationen, sondern Bestätigung. Nicht Ablenkung oder Unterhaltung, sondern ein Gefühl von Verbundenheit. Nicht Nachrichten oder Schlagzeilen, sondern irgendetwas, das mir für einen Augenblick vermittelt: Ich bin gut genug. Jemand denkt an mich, jemand schreibt mir, jemand interessiert sich für mich. Wenn da nichts ist, entsperre ich mein Handy sechseinhalb Minuten später wieder.
Das Handy ist ein sofortiger und jederzeit verfügbarer Fluchtweg aus dem schmerzhaften Gefühl, nicht gut genug zu sein. Und dieses Gefühl sitzt tief. Es ist ein Echo aus der Vergangenheit, das Tag für Tag erneut ins Schwingen gebracht wird: Durch Werbung, die mir suggeriert, was ich alles noch brauche, um endlich glücklich zu sein. Durch endlose Vergleiche in “sozialen” Medien. Durch gesellschaftliche Erwartungen und Rollenbilder, die mich glauben lassen, ich müsse erst jemand oder etwas werden, um liebenswert zu sein. Und durch eine Kultur, die Selbstoptimierung feiert, aber Angst vor Verletzlichkeit hat.
So wird aus dem Schmerz im Innen ein sich immer schneller drehender Strudel im Außen – ein ständiges Suchen nach Bestätigung. Die Sucht (in meinem Fall: der Griff zum Handy) füllt dabei nicht nur eine momentane Leere, sondern schützt uns auch vor der Angst, uns den alten, verletzten Teilen in uns zu stellen. Der Preis dafür ist unsere Lebenszeit, die uns durch die Finger rinnt, und ein Leben, das wir mit angezogener Handbremse leben, weil wir ständig damit beschäftigt sind, dem Schmerz auszuweichen.
Die Gefühle fühlen.
Damit wird klar: Jede “technische” Lösung (wie das Blockieren von Apps oder Bildschirmzeitlimits) kratzt nur an der Oberfläche, kann das darunterliegende Problem aber niemals wirklich lösen.
Die einzige wirkliche Lösung: Fühlen, was gefühlt werden will. Mich immer und immer wieder liebevoll dem zuwenden, was ich so lange versucht habe, zu vermeiden und nicht zu spüren. Diese aufgewühlte Energie, die mich nicht zur Ruhe kommen lässt, die mich antreibt und mir keine Pause gönnt. Die Angst, nicht gesehen zu werden. Der tiefe Wunsch, geliebt zu werden – einfach so, ohne etwas leisten zu müssen. Heilung erfordert ein Dableiben, nicht ein Wegmachen.
“Sich selbst hören zu können, ist eine Vorbedingung dafür, dass man auf andere hören kann; bei sich selbst zu Hause zu sein ist die notwendige Voraussetzung, damit man sich zu anderen in Beziehung setzen kann.”, schreibt Erich Fromm.
Die Bestätigung und die Liebe, nach der wir suchen, dieses Gefühl von echter Verbundenheit, von gesehen werden und von gut genug-sein, das alles wird erst dann möglich, wenn wir uns dem Schmerz in uns zuwenden. Denn für echte Liebe, ganz egal ob romantisch, freundschaftlich, familiär, braucht es Verletzlichkeit. Nochmal Erich Fromm: “Lieben heißt, dass wir uns dem Anderen ganz ohne Garantie ausliefern.”
Zurück zum Thema. Was bedeutet das konkret für meine Sucht nach dem Smartphone? Gute Frage. Ich versuche es mal. Bekanntlich lehren wir ja am besten, was wir selbst am dringendsten lernen müssen.
Ich erinnere mich immer und immer wieder daran, bei mir zu bleiben. Lasse die Vorstellung los, wie ich sein sollte, und nehme mich stattdessen an, wie ich jetzt gerade bin. Gar nicht so leicht. Ich greife nicht sofort zum Handy, sondern spüre einen Moment lang neugierig in mich hinein: Was passiert da eigentlich gerade? Vielleicht ist da eine Spannung in meinem Kiefer oder eine unruhige Energie in meiner Brust? Ein starker, körperlicher Impuls, zum Handy zu greifen? Vielleicht eine unbestimmte Empfindung von “es ist nicht gut, so wie es gerade ist”? Ein Gefühl von Leere oder Einsamkeit?
Es geht nicht darum, das alles sofort zu verstehen. Sondern darum, mir selbst zu zeigen: Ich halte das aus. Zumindest ein paar Atemzüge lang. So vermittle ich den kindlichen Überlebensanteilen in mir: Ich bin mittlerweile erwachsen und kann unangenehme Gefühle in mir halten und damit umgehen.
Vielleicht stehe ich auf und hole mir ein Glas Wasser, oder gehe zum Fenster, öffne es und nehme einen tiefen Atemzug. Vielleicht erzähle ich jemandem, wie es mir geht. Oder vielleicht schreibe ich auf, was in mir passiert – so wie ich das jetzt gerade tue. Diese Möglichkeiten und viele andere stehen mir als erwachsenem Menschen offen. Als Kind war das nicht möglich: Ablenkung und Wegmachen waren damals effektive und valide Strategien. Heute aber sind sie längst überholt und nicht mehr zweckdienlich.
Das wird mir nicht immer gelingen. Auch dafür verurteile ich mich nicht. Heilung ist kein linearer Prozess. Es ist eine ständige Übung – auch darin, freundlich und liebevoll zu mir selbst zu sein. Es gibt Momente, da geht einfach nur mehr Scrollen. Auch das ist Teil des Prozesses.
Ich schreibe diesen Text nicht, weil ich selber schon alles verstanden und geschafft habe und es dir erklären will, sondern vor allem für mich selbst. Weil ich selber mittendrin bin.
“The attempt to escape from pain, is what creates more pain.”
Gabor Maté
Wie geht es dir? Wie viel Zeit verbringst du am Handy? Was sind deine Strategien, um nicht so viel Lebenszeit zu verplempern? Wonach bist du süchtig? Was sind deine coping mechanisms? Du kannst gerne unten einen Kommentar hinterlassen oder einfach auf diese Nachricht antworten. Ich freue mich, von dir zu hören :)
Bis in zwei Wochen!
Alles Liebe,
Jakob
Danke fürs Lesen! Mein Name ist Jakob Bouchal, ich arbeite als systemischer Coach und psychosozialer Berater in Wien. Zu sein, wer du wirklich bist, und das Deine authentisch und freudvoll in die Welt zu bringen – dabei unterstütze ich dich gerne.
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Jakob, deine Worte sind so wertvoll - lass dir sagen, dass ich deine Gedanken sehr schätze, vielen Dank fürs Teilen und deine Impulse!
Looking for love in all the wrong places. Kommt mir bekannt vor. Ich habe in einem meiner letzten lover letters geschrieben - "It seems to me we keep looking for live in all the wrong places".