René Benko ist nicht das Problem.
Er ist das Symptom. Das Problem ist der Kapitalismus.
Unsere Welt ist unfassbar komplex. Sie lässt sich nicht so einfach in schwarz oder weiß, gut oder schlecht aufteilen. Das hält uns natürlich nicht davon ab, das trotzdem zu tun – auch, wenn unsere Konstruktionen wieder und wieder an der Realität zerschellen. Es scheint fast so, als wäre es der Welt egal, dass wir uns nach Einfachheit sehnen.
Vor ein paar Wochen wurde der Milliardär und Pleitier René Benko festgenommen, endlich, und sitzt seither in Untersuchungshaft. Dass über seine betrügerischen und korrupten Machenschaften anhaltend und breit berichtet wird, finde ich richtig und wichtig. Was mir in der Debatte dazu aber fast komplett fehlt: Die Kritik an dem System, das so etwas überhaupt erst ermöglicht. René Benko ist nicht das Problem. Er ist das Symptom. Das darunter liegende Problem ist der Kapitalismus.
Damit meine ich nicht, dass sein Verhalten unproblematisch und in Ordnung ist. Wenn das, was ihm vorgeworfen wird, auch nur ansatzweise stimmt, muss er dafür Verantwortung übernehmen und die Konsequenzen tragen.
Und, ich muss zugeben: Ein bisschen Schadenfreude kommt bei mir schon auf, wenn ich mir René Benko vorstelle, wie er sich in seiner Zelle in der Justizanstalt Josefstadt vor dem Schlafengehen die Zähne putzt, in den Spiegel schaut und, hoffentlich, seine Lebensentscheidungen hinterfragt. Seine Verhaftung hat eine ordentliche Delle reingeschlagen in den kapitalistischen Heldenmythos vom genialen “self-made” Milliardär, und das ist gut so.
Aber: Wenn wir uns jetzt darauf beschränken, uns kollektiv auf Einzelpersonen einschießen, sie als “die Schlechten” hinzustellen, auf die wir, “die Guten”, mit dem Finger zeigen – dann machen wir es uns zu leicht. Wir müssen anfangen, diese Menschen und ihr Verhalten als logische Produkte eines kaputten Systems zu verstehen. Ja, Kriminelle müssen verfolgt und zur Verantwortung gezogen werden. Unser Hauptaugenmerk muss aber darauf liegen, dieses System gilt es zu transformieren. Alles andere ist zu kurz gegriffen.
René Benko ist das Symptom.
Was meine ich damit? René Benko steht stellvertretend für eine Klasse Überreicher, die durch dubiose Geschäftspraktiken und fragwürdige Geschäftsmodelle einen unvorstellbaren Reichtum und eine enorme wirtschaftliche Macht angehäuft haben. Diese Ressourcen und ihren politischen Einfluss setzen sie vor allem dafür ein, noch reicher zu werden.
Diese Menschen verkörpern viele Aspekte des Neoliberalismus: Profitmaximierung als oberste Priorität, Ellbogenmentalität und Hyperindividualismus – und eine gewisse Geringschätzung gegenüber demokratischen Strukturen. Zur Erinnnerung, der Neoliberalismus ist die derzeitige Endausbaustufe des Kapitalismus, die staatliche Eingriffe strikt ablehnt und deren Vertreter:innen auch dann noch naiv-fromm an die Selbstregulierung des Marktes glauben werden, wenn die Erde für Menschen unbewohnbar geworden ist.
Nichts von dem hat René Benko. Menschen wie er haben es bloß auf die Spitze getrieben, die inhärenten Regeln des Systems besonders “effektiv” und konsequent auszunutzen – zum eigenen Vorteil, ohne jegliche Rücksicht.
Nochmal: Das soll sein Verhalten weder relativieren noch entschuldigen. Wenn wir uns aber darauf beschränken, einen Benko als “böse” abzustempeln und wegzusperren, und dann wieder zurückkehren zu business as usual, dann werden wir feststellen, dass übermorgen der nächste “Unternehmer” sich eine noch ausgeklügeltere “Geschäftsidee” hat einfallen lassen, um uns allen das (Steuer-)Geld aus der Tasche zu ziehen.
Die Frage, die wir uns eigentlich stellen müssen, lautet vielmehr: Warum konnte René Benko damit überhaupt so lange durchkommen? Und: Warum lassen wir uns das gefallen?
Der Kapitalismus ist die Ursache.
Der Kapitalismus ermöglicht nicht nur, sondern belohnt sogar genau jenes Verhalten, das René Benko letzten Endes dann doch ins Gefängnis gebracht hat, ihn davor aber unendlich reich gemacht hat: Profitmaximierung als einzige und oberste Maxime, Risikoaffinität, Grenzüberschreitungen und eine große Portion Dreistigkeit krimineller Energie. Man könnte sagen: Rücksichtsloses Verhalten zahlt sich aus. Zumindest, solange man es nicht so arg übertreibt, dass man im Häfn landet.
Ein Wirtschaftssystem, in dem Profit und Wachstum an oberster Stellen stehen und das uns finanziellen Erfolg als wichtigstes Ziel im Leben verkauft, kann gar nicht anders, als Unternehmer:innen hervorzubringen, die fast alles tun würden, um noch ein bisserl mehr rauszuquetschen – aus ihren Unternehmen, aus ihren Mitarbeiter:innen, aus unserem Planeten und aus uns allen, sei es als Kund:innen oder Steuerzahler:innen.
René Benko ist kein Einzelfall und auch kein Ausreißer, sondern eine systemische Konsequenz des Wirtschaftssystems und der Gesellschaftsordnung, in der wir leben. Anders gesagt: Solange es den global deregulierten Kapitalismus gibt, wird es Menschen wie René Benko geben, die dieses System ohne Genierer bis zum Gehtnichtmehr ausnutzen.
“Das Grundproblem besteht nicht in reichen und mächtigen ‘schlechten’ Menschen, sondern in institutionalisierten Strukturen kollektiver Gier, Aggression und Verblendung, die transformiert werden müssen”, schreibt der Philosoph David R. Loy in seinem großartigen Buch “ÖkoDharma: Buddhistische Perspektiven zur ökologischen Krise“. So können wir wirklich weiterkommen.
Symptombekämpfung und Ursachentherapie.
Wenn René Benko das Symptom ist, was wäre dann die Therapie? Für eine nachhaltige und tiefgreifende Transformation unserer Welt dürfen wir uns nicht nur darauf beschränken, ihn oder ähnliche Figuren zu bekämpfen – auch wenn das wichtig ist. Wir müssen auch die strukturellen Ursachen angehen, die solche Phänomene überhaupt erst möglich machen und sogar begünstigen.
Im Großen braucht es eine Demokratisierung der Wirtschaft und eine Neuausrichtung auf Gemeinwohl. Einen endgültigen Abschied von der Idee des unbegrenzten Wachstums auf einem begrenzten Planeten. Eine tiefgreifende Reform des Finanzsystems und eine rigorose Regulierung der Märkte, eine Eindämmung von Machtkonzentration und Zerschlagung von Monopolen. Robuste Regeln und Mechanismen, die sicherstellen, dass Unternehmer:innen für ihr Handeln Verantwortung übernehmen müssen und gegebenenfalls zur Rechenschaft gezogen werden können.
Vor allem aber braucht es eine stärkere Besteuerung von Reichtum. Dabei geht es nicht um Neid – es geht um unsere Zukunft. Wenn eine kleine Gruppe von Menschen, die auf unsere Kosten überreich geworden ist, unsere Zukunft verzockt, den Planeten zerstört und die Demokratie aufkauft, dann müssen wir eine Grenze ziehen.
Den Kapitalismus in uns transformieren.
Diese großen Veränderungen im Außen können wir, zumindest kurzfristig, nur sehr begrenzt beeinflussen. Ja, wir können (und sollten) endlich anfangen, Parteien zu wählen, die den Kapitalismus kritisch hinterfragen und nicht als gottgegeben hinnehmen.
“We live in capitalism. Its power seems inescapable. So did the divine right of kings. Any human power can be resisted and changed by human beings. Resistance and change often begin in art, and very often in our art, the art of words.”
―Ursula K. Le Guin
Wo wir aber wirklich jetzt sofort den Hebel ansetzen und Verantwortung übernehmen können und müssen, ist bei uns selbst. Wir alle tragen dazu bei, den Kapitalismus am Leben zu halten. Oft, weil es nicht anders geht – wir müssen halt wohnen und essen.
Aber der Kapitalismus ist nicht nur das Wirtschaftssystem, in das wir hineingeboren wurden, er steckt auch tief in uns, in unserer Haltung und in unseren Glaubenssätzen. “Ich muss etwas leisten, um etwas wert zu sein”. Oder: “Es ist nie genug. Ich bin nicht gut genug.”
Immer wieder fallen wir darauf hinein, unser Glück in die Zukunft zu verschieben und im Außen zu suchen. So, wie es uns die Werbung und die Gesellschaft suggerieren. “Wenn ich diese neue Jacke habe, das neue Handy; wenn ich noch dieses Buch gelesen oder jene Reise gemacht habe; wenn ich endlich eine Wohnung mit Balkon habe oder eine eigene Familie – dann endlich wird es mir gut gehen, dann werde ich glücklich sein und komplett; dann ist es genug, dann bin ich gut genug.”
Willkommen im Hamsterrad. Wir konsumieren und konsumieren, völlig außer Kontrolle, um diesem Gefühl von “nicht genug” zu entkommen, um die Leere in uns zu füllen. Aber egal wie viel wir in uns hineinstopfen, wir können dieses schwarze Loch nicht füllen. Es wird nie “genug” sein – eher werden wir den gesamten Planeten konsumieren.
Die schlechte und die gute Nachricht ist: Nichts und niemand kann dich glücklich machen außer du selbst. “Wenn du nicht aufhörst, dein Glück im Außen zu suchen, dann wird es dir dein Herz zerreißen”, hat eine Zen-Lehrerin mal zu mir gesagt. Nur du selbst kannst dir das Gefühl geben: Es ist gut. Es ist genug. Ich bin genug. Ich bin angekommen.
Wie geht das? Viele Wege führen zum Ziel. Selbstreflexion, Kontemplation, Rückzug, Spiritualität, Gemeinschaft – ein guter Anfang für mich war Psychotherapie. Jeder Mensch braucht Heilung. Um diese negativen Glaubenssätze und dieses Gefühl von “nicht genug” ans Licht zu bringen; zu verstehen, woher sie kommen und anzufangen, sie nachhaltig zu transformieren.
Ich bin überzeugt, das Überleben unserer Spezies, oder zumindest der sogenannten Zivilisation, wird davon abhängen, ob wir (ja, du und ich!) es in unserer Lebenszeit schaffen werden, aufzuhören, vor diesem Gefühl von Mangel davonzulaufen; aufzuhören, zu versuchen, es mit Konsum im Außen ruhigzustellen. Und stattdessen anzufangen, uns liebevoll uns selbst zuzuwenden, unsere Verletzungen als solche zu erkennen und individuelle und kollektive Heilung im Rahmen unserer Möglichkeiten höchstmöglich zu priorisieren.
Mit dieser Thematik habe ich mich schon mal in einer älteren Ausgabe auseinandergesetzt, auch mit dem Zusammenhang zwischen Kapitalismus und transgenerationalem Trauma. Vielleicht interessiert dich das ja auch?
Wie geht es dir? Kennst du dieses Gefühl von “Ich bin nicht gut genug” und “Es ist nicht genug”? Wie gehst du damit um? Was macht der Zustand unserer Welt mit dir? Möchtest du mir etwas sagen oder mich was fragen? Du kannst unten gerne einen Kommentar hinterlassen oder einfach auf diese Nachricht antworten. Ich freue mich von dir zu hören :)
Vielen Dank fürs Lesen. Bis in zwei Wochen!
Alles Liebe,
Jakob
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Die Welt, aber insbesondere der deutschsprachige Raum, lebt vom Mythos des Einzeltäters. Alle anderen sind dann entweder die Mitläufer oder sehen sich sogar als Opfer (klar abzugrenzen von den tatsächlichen Opfern). Wir haben ja von nichts gewusst. Funktioniert im Kaapitalismus und im Faschismus. Ich glaube auch, dass Therapie ein Weg nach draußen ist, aber leider glauben das nicht genug Menschen. Danke für den Artikel!