Wie geht es dir, von 1 bis 10?
Die Kunst der kleinen Schritte: Verantwortung übernehmen für das eigene Leben.
Hallo! Schön, dass du da bist.
Heute gibt’s hier mal was ganz anderes: Ich möchte dir eine simple und effektive Fragetechnik aus dem systemischen Coaching zeigen. Skalenfragen können nicht nur in Beratungsgesprächen schnell Klarheit in eine Angelegenheit bringen, ich verwende sie auch gerne an mir selbst, um in meinem eigenen Leben weiterzukommen.
Ich war schon immer Fan davon, nicht quantifizierbare Dinge in Skalen auszudrücken. Wie gut hat dir das Konzert gefallen, von eins bis zehn? Wie verzweifelt bist du, wenn du die Nachrichten liest, auf einer Skala von eins bis Nervenzusammenbruch?
Solche Skalen lassen sich auch wunderbar einsetzen, wenn etwas (noch) nicht so ist, wie ich es gerne hätte. Ich kann damit nicht nur den Ist-Zustand erheben, sondern auch die unmittelbar nächsten Schritte für mich finden, die mich dem gewünschten Erleben in der Zukunft ein Stück weit näher bringen.
Das gewünschte Erleben in der Zukunft. Diese Formulierung finde ich sehr schön, sie ist aber leider nicht von mir – ich habe sie mal in einem Seminar aufgeschnappt. Also. Wie kommen wir da jetzt hin, zu diesem gewünschten Erleben in der Zukunft?
Wo stehe ich gerade, auf einer Skala von eins bis zehn?
Diese Frage dient der Selbstreflexion und Standortbestimmung, ich kann sie mir in allen Lebenslagen und -bereichen stellen. Zum Beispiel: Wie zufrieden bin ich gerade mit meiner beruflichen Situation? Oder: Wie sehr erfüllen mich meine sozialen Kontakte? Aber auch: Wie gestresst laufe ich zurzeit durchs Leben?
Ich will das mit einem Beispiel aus meinem Leben ein bisschen anschaulicher machen. Nach 30+ Jahren people pleasing stelle ich mir in letzter Zeit immer wieder die Frage: Wie gut gelingt es mir momentan, ich selbst zu sein und mich nicht zu verbiegen, um es anderen recht zu machen? Auf einer Skala von eins bis zehn?
Sobald ich mir so eine Frage stelle, wechsle ich automatisch die Perspektive: Ich steige für einen Augenblick aus meinem aktuellen Erleben heraus und gehe auf die Meta-Ebene. Ich bin dann nicht mehr in der Situation, sondern blicke auf die Situation. Das gibt mir sofort mehr Klarheit und Überblick.
Zurück zu meinem Beispiel. In den letzten Wochen ist es mir meistens recht gut gelungen, zu meinen Bedürfnissen zu stehen, Wünsche auszusprechen, Grenzen zu ziehen und Nein zu sagen. In schwachen Momenten oder bei bestimmten Personen bin ich aber öfters wieder zurückgefallen in alte Muster. Aus dem Bauch heraus: Ich stehe da gerade auf einer 7.
In einem ausführlichen Coachingprozess könnten die nächsten Fragen lauten: Was habe ich selbst dazu beigetragen, dass ich heute schon auf einer Sieben stehe, und nicht nur auf einer Fünf? Wie würde sich eine Zehn anfühlen? Was wäre dann alles möglich? Wann war ich vielleicht schon mal auf einer Acht – und wie habe ich das damals geschafft?
Und dann:
Was kann ich heute tun, um meine Situation um einen halben Punkt zu verbessern?
Manchmal sind Ziele oder Visionen so groß, dass ich mir kaum oder gar nicht vorstellen kann, ob und wie ich es jemals schaffen kann, sie zu erreichen. In jeder Minute meines Lebens authentisch sein und immer gut auf meine Bedürfnisse achten? Puh.
Diese Frage zielt deshalb darauf ab, den Weg in überschaubare Zwischenschritte zu unterteilen, die ich realistischerweise auch wirklich sofort umsetzen kann. Wenn ich mich frage, wie ich von 7 auf 7,5 kommen kann, fühlt sich das viel machbarer an als ein Sprung von 7 auf 10.
Für mein Beispiel würde das bedeuten: Was kann ich heute tun, um auf der Authentizitäts-Skala von 7 auf 7,5 zu kommen? Hm. Ich kann mir fünf Dinge aufschreiben, die ich nie wieder in meinem Leben sagen oder machen möchte. Ich kann mir überlegen, was ich vielleicht schon lange machen wollte, mich aber nicht getraut habe, aus Angst vor der Bewertung anderer. Ich kann mich auch entscheiden, mir in dieser Angelegenheit Unterstützung zu holen.
Weil ich mir manchmal schwertue, Nein zu sagen, kann ich mir angewöhnen, zumindest zu sagen: “Ich überlege es mir”. Ich kann mir eine halbe Stunde Zeit für mich nehmen und etwas tun, das mir Spaß macht. Oder einfach eine Pause machen. Wenn ich mal wieder eine Entscheidung entgegen meinen Bedürfnissen getroffen habe, um jemand anderen zufrieden zu stellen, kann ich jetzt gleich diese Person anrufen und nochmal um ein Gespräch bitten.
Und und und. Klingt alles machbar, oder? Ich finde schon.
Verantwortung übernehmen für das eigene Leben.
Diese Frage hilft mir außerdem, Verantwortung für mein eigenes Leben zu übernehmen. Wie viele von uns neige auch ich oft dazu, äußeren Umständen, anderen Menschen oder der Vergangenheit die Schuld zu geben, wenn Dinge nicht so laufen, wie ich sie gerne hätte.
Zum Beispiel: “Ich könnte ja viel authentischer sein, wenn das Familienmitglied, der Freund, die Kollegin nicht so manipulativ und übergriffig wäre.” Dann bin ich in einer Opferrolle und habe die Verantwortung für mein Leben abgegeben, lasse andere Menschen darüber bestimmen.
Wenn ich mich aber frage, was ich tun kann, um meine Situation um einen halben Punkt zu verbessern, fokussiere ich mich darauf, was tatsächlich in meinem eigenen Einflussbereich liegt – ich übernehme Verantwortung für mein Leben.
Die Freiheit "hat" man nicht, wie irgendetwas, das man auch verlieren kann, sondern die Freiheit "bin ich".
Viktor Frankl
Wie geht es dir gerade, auf einer Skala von eins bis zehn? Verbiegst du dich auch oft, um es anderen recht zu machen? War diese Fragetechnik hilfreich? Hast du letzte Nacht auch so komische Sachen geträumt? Möchtest du mir etwas sagen oder mich was fragen? Du kannst gerne einfach auf diese Nachricht antworten. Ich freue mich von dir zu hören :)
Vielen Dank fürs Lesen! Bis in zwei Wochen – wenn schon 12% des Jahres 2025 vergangen sind. Wie die Zeit verfliegt! Nutzen wir sie weise und zum Wohle aller fühlenden Wesen.
Alles Liebe,
Jakob
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Finde ich gar nicht mal so leicht, mir selbst die Frage zu beantworten. Was ja dann auch schon sehr spannend ist. Dein Beitrag regt auf jeden Fall zum Nachdenken an. Danke dir.