Uns fragt ja keiner? Diese Ausrede gilt nicht mehr.
Die Vorbilder, auf die wir warten, sind wir selbst. Wir müssen jetzt Verantwortung übernehmen. Wenn du auf ein Zeichen gewartet hast – hier ist es.
In den letzten Tagen habe ich mir immer wieder ziemlich schwer getan, einen guten Umgang zu finden mit einer Realität, in der wir Tag für Tag zu neuen Katastrophen aufwachen. Im Zeitalter multipler Krisen müssen wir lernen, eine Doom-Happiness-Balance zu finden. Auf diese Wortschöpfung bin ich übrigens sehr stolz, you read it here first.
Was mir dabei seit Jahren hilft ist ein bewusstes Hin- und Herpendeln.
Auf der einen Seite: Das volle Ausmaß an Absurdität, Frustration und auch Aussichtslosigkeit wirklich ganz nah an mich heranzulassen, ohne mich abzulenken oder mir die Situation schönzureden. Wut zuzulassen, auf institutionalisierte Strukturen kollektiver Gier und Aggression. Und Enttäuschung, über die kurzsichtigen Entscheidungen so vieler Menschen, die uns voraussichtlich den ersten rechtsextremen Kanzler seit 1945 eingebrockt haben. Aber auch den Schmerz zu fühlen, angesichts der sehr realen Möglichkeit, dass wir als Spezies das alles einfach nicht mehr rechtzeitig hinbekommen könnten.
Und auf der anderen Seite: Dinge zu tun, die mir gut tun. Zeit mit Menschen zu verbringen, die ich gerne mag. Mir zwei Stunden lang auf YouTube Videos über Aquarien anzuschauen oder über den Alltag von Menschen in Jakutsk. Die Welt mit all ihren Problemen und Ungerechtigkeiten mental beiseite zu schieben und mich auf mich selbst und mein unmittelbares Umfeld zu konzentrieren. Mir zu erlauben, trotzdem glücklich zu sein.
Wir brauchen beides und die Welt braucht beides. Wir können uns nicht dauerhaft für nur eine dieser Seiten entscheiden. Die großen, ungelösten Fragen betreffen uns alle und wir können es uns nicht leisten, mental die Rollläden runterzulassen oder die Realität mit toxischer Positivität wegzulächeln. Aber wir müssen uns auch nicht ständig dem ungefilterten Wahnsinn aussetzen, der in der Welt passiert, oder unglücklich sein, weil andere leiden.
Zuversicht statt Verzweiflung.
Vor ein paar Wochen ist mir ein wirklich wunderschöner Text untergekommen, der mich sehr berührt und inspiriert hat: “Letter to a young activist during troubled times” von Clarissa Pinkola Estés, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin. Schon der Untertitel hat mich sofort angesprochen: “Do not lose heart. We were made for these times.”
Obwohl dieser Brief vor über 20 Jahren verfasst wurde, habe ich mich schon lange nicht mehr so abgeholt gefühlt. Ein paar Passagen daraus möchte ich dir für die nächsten Wochen, Monate, Jahre mitgeben. Den Link zum ganzen Text findest du weiter unten.
In any dark time, there is a tendency to veer toward fainting over how much is wrong or unmended in the world. Do not focus on that. Do not make yourself ill with overwhelm.
I too have felt despair many times in my life, but I do not keep a chair for it; I will not entertain it. It is not allowed to eat from my plate.
Clarissa Pinkola Estés
Das ist ein guter, wichtiger Vorsatz. Jetzt ist nicht die Zeit für Jammern, Verzweiflung und Resignation. Ja, wir brauchen Pausen von den Problemen der Welt, um nicht in Verzweiflung zu versinken. Zeiten, an denen wir in Richtung Erholung pendeln, oder auch Ablenkung. Aber sobald wir uns aufgeladen und wieder Kapazitäten haben, stehen wir wieder auf.
In Andreas Sators Newsletter habe ich dazu ein schönes Zitat gelesen: “Zuversicht ist kein Geschenk. Zuversicht ist eine Frage der Selbstdisziplin.”, sagt die Schriftstellerin Thea Dorn. Und weiter: “Es bringt nichts, wie ein enttäuschtes, beleidigtes Kind mit der Welt zu hadern. Ich muss einsehen, dass es bei mir liegt, ob ich mich Angst und Verzweiflung hingebe oder dem schwarzen Sog widerstehe.”
Zuversicht ist etwas anderes als Optimismus. Optimismus ist der oft naive Glaube, dass alles gut werden wird – selbst dann, wenn es, wie aktuell, ganz eindeutig nicht danach aussieht. Zuversicht hingegen ist eine Entscheidung, eine bewusste Haltung, die wir einnehmen können. Der Autor Ulrich Schnabel spricht von einer inneren Stärke: “Das ist der Kern der Zuversicht: Auch wenn die Dinge nicht gut ausgehen, kann man Spielräume für sich finden.”
Es geht nicht um die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern um die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.
Václav Havel
Gemeinsam statt alleine.
Diese Zuversicht zu kultivieren, oder zumindest am Leben zu halten, ist unendlich Mal leichter, wenn wir in uns ein Gefühl spüren von: Ich bin nicht alleine. Diese Erfahrung habe ich in den letzten Monaten immer und immer wieder gemacht.
Deswegen ist Gemeinschaft so wichtig. Deswegen sollten wir viel mehr darüber sprechen, wie es uns wirklich geht und was uns bedrückt. Deswegen gibt es diesen Newsletter. Damit wir uns immer wieder gegenseitig daran erinnern, dass wir nicht alleine sind – auch nicht mit unseren Sorgen um die Zukunft.
Ja, wir leben in schwierigen Zeiten. Ja, es sieht momentan wirklich nicht gut aus. Aber wir sind nicht alleine. Estés beschreibt in ihrem Text eine stürmische Welt, in der wir leben. Sie zeichnet aber auch ein Bild von großen, seetüchtigen Schiffen, dafür gemacht, diese rauen Gewässer navigieren, von denen es so viele gibt wie noch nie zuvor. Diese Schiffe sind wir.
Regarding awakened souls, there have never been more able crafts in the waters than there are right now across the world. And they are fully provisioned and able to signal one another as never before in the history of humankind.
Clarissa Pinkola Estés
Wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit können wir, diese Schiffe, miteinander in Verbindung treten. Das weltweite Netzwerk von Menschen und Organisationen, die sich für Umwelt und soziale Gerechtigkeit engagieren, ist die größte und am schnellsten wachsende Bewegung aller Zeiten, schreibt der Autor und Umweltaktivist Paul Hawken: “Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass eine Bewegung von solchem Ausmaß und solcher Breite aus jedem Land, jeder Stadt und jeder Kultur der Welt entstanden ist, ohne Führung, ohne Regelwerk und ohne zentralen Hauptsitz.”
Wir sind die Vorbilder, auf die wir warten.
Am meisten in mir ausgelöst hat aber ein ganz anderer Aspekt des Textes von Estés.
We were made for these times. For years, we have been learning, practicing, been in training for and just waiting to meet on this exact plain of engagement. I cannot tell you often enough that we are definitely the leaders we have been waiting for, and that we have been raised since childhood for this time precisely.
Clarissa Pinkola Estés
Wenn ich mit Freund:innen über Politik spreche, über unsere Ideen und Vorschläge für eine bessere Welt, kommt oft irgendwann der Moment, an dem ich mit einem Seufzer und folgendem Satz das Gespräch beende: “Aber uns fragt ja niemand.”
In den letzten Wochen ist mir klargeworden: Das ist eine Ausrede. Die wir uns nicht mehr länger leisten können. Wenn wir darauf warten, dass uns jemand fragt, in welcher Welt wir leben wollen, werden wir sterben, bevor sich etwas ändert.
Wir sind die Vorbilder, auf die wir warten; die Politiker:innen und Führer:innen, die es braucht; die utopischen Visionär:innen und Treiber:innen des Wandels. Wir müssen jetzt zeigen, dass es auch anders geht, neue Wege finden und vorleben. Wir müssen anfangen, unsere Ideen, Vorstellungen und Werte nicht mehr nur mit Freund:innen zu besprechen, sondern sie in die Welt zu tragen. Und wir müssen anfangen, unsere Visionen endlich umzusetzen.
Zugegeben, das macht mir ganz schön Angst und fühlt sich sieben Nummern zu groß an. Ich merke, ich habe mich noch immer nicht vollständig gelöst von einem kindlich-naiven Wunschdenken, es gäbe irgendwo da draußen irgendwen, der alles im Blick und unter Kontrolle hat und dafür sorgt, dass am Ende alles gut wird.
Ein kurzer Blick auf die Lage der Welt reicht aus, um zu erkennen, dass das ganz offensichtlich nicht der Fall ist. Da ist niemand, der:die alles automatisch in geordnete Bahnen lenkt, ohne dass wir etwas dafür tun müssen. Es ist Zeit, erwachsen zu werden. Wir müssen uns jetzt endlich trauen, in Führung zu gehen und Verantwortung zu übernehmen in unserer Welt und für unsere Welt.
Sonst tun das andere für uns. Barbara Blaha hat das schön formuliert: “Wenn wir jetzt nichts tun, dann überlassen wir unsere Zukunft den anderen. Sie bestimmen dann darüber, wie unsere Zukunft aussieht.”
Und jetzt?
Wo fangen wir also an? Sind die Probleme unserer Welt nicht so groß, dass weder du noch ich sie jemals alle lösen können? Ja, ziemlich sicher. Was wir aber verändern können, ist die Welt um uns herum.
Ours is not the task of fixing the entire world all at once, but of stretching out to mend the part of the world that is within our reach. Any small, calm thing that one soul can do to help another soul, to assist some portion of this poor suffering world, will help immensely.
Clarissa Pinkola Estés
Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Newsletters gibt es heute eine Hausaufgabe Einladung an mich selbst und auch an dich: Finde eine Möglichkeit, die Welt um dich herum zu verändern. Im Rahmen deiner Möglichkeiten und Kapazitäten, egal wie klein oder groß. Idealerweise erfordert es aber schon ein bisschen Mut oder Überwindung.
Ja, ich weiß, wir alle haben viel um die Ohren, genug eigene Probleme. Aber seien wir uns ehrlich: Wir haben es uns in den letzten Jahren schon auch ein bisschen gemütlich gemacht. Zumindest die meisten von uns, mich eingeschlossen. Und auch wenn im eigenen Leben nicht immer alles rund läuft – viele von uns sind trotzdem mehrfach privilegiert; wenn es hart auf hart kommt, gut abgesichert.
Diese Privilegien und diese Sicherheit kommen mit einer Verantwortung. Wir müssen sie jetzt weise und beherzt einsetzen, für eine Welt in der wir leben wollen und die wir der nächsten Generation guten Gewissens hinterlassen können. Wir müssen jetzt damit anfangen und nicht noch ein paar Jahre warten und zuschauen, in der Hoffnung, es wird schon irgendwie werden. Die Journalistin Julia Pühringer hat das sehr treffend formuliert: “Überlege dir, wo du ab sofort gedenkst, mutiger und lauter zu werden.”
Also. Jetzt aber wirklich. Geld zu spenden und zwei Mal im Jahr auf eine Demo zu gehen reicht jetzt einfach nicht mehr. Wenn du auf ein Zeichen gewartet hast – hier ist es. Dir fällt sicher was ein, aber zur Sicherheit habe ich hier noch ein paar Vorschläge für dich:
Nimm dir Zeit um zu reflektieren: Wo kannst du Verantwortung übernehmen? Welche Privilegien und Handlungsspielräume hast du? Wo hast du bereits jetzt eine Vorbildfunktion inne, wie kannst du diese gut nutzen?
Wenn du nächstes Mal über Dinge sprichst, die dich aufregen oder dir ungerecht erscheinen, überlege auch gleich, wie du selbst aktiv werden und etwas verändern kannst. Im Kleinen wie im ganz Großen: Die gefährliche Stelle am Radweg, diskriminierende Strukturen am Arbeitsplatz, dass Ü30-Menschen €650 für die HPV-Impfung pecken müssen oder dass jetzt das Klimaticket wackelt.
Sei solidarisch mit anderen Menschen! Auch wenn du selbst vielleicht privilegiert genug bist, dass dir die Auswirkungen rechtsextremer, neoliberaler Politik nicht gleich weh tun werden. Wo siehst du Menschen strugglen, wie kannst du sie direkt unterstützen, wo kannst du ihre Anliegen sichtbarmachen und verstärken?
Sei ehrlich zu dir selbst: Wie verdienst du dein Geld? Für wen arbeitest du, wer profitiert von deiner Arbeit? Wer trägt die externalisierten Kosten – unser Planet, andere Menschen, die Zukuft? Was möchstest du antworten, wenn dich in 20 Jahren die nächste Generation fragt, was du eigentlich den ganzen Tag gemacht hast, als die Welt den Bach runtergegangen ist? Und: Wofür gibst du dein Geld aus?
Nimm dir vor, sexistische, rassistische, homophobe oder schlicht falsche Aussagen (oder “Witze”) nie wieder unwidersprochen stehen zu lassen. Ja, man hat nicht immer die Energie für Diskussionen und nein, man wird nur in den seltensten Fällen das Gegenüber umstimmen können. Trotzdem habe ich mir angewöhnt, in solchen Fällen wirklich immer zumindest zu sagen: “Das sehe ich anders.”
Tritt einer Partei bei oder gründe selber eine politische Initiative. Und wähle nächstes Mal endlich wirklich die Partei, die bei wahlkabine.at oder ähnlichen Plattformen an erster Stelle rauskommt, anstatt “taktisch” zu wählen.
Abonniere die Newsletter progressiver Medien wie Moment, Falter, an.schläge oder Die Chefredaktion. Bezahle sie für ihre Arbeit, wenn du kannst, und teile ihre Inhalte, wenn du Social Media nützt.
Kandidiere für Ämter! Egal ob für den Betriebsrat, als Studierendenvertreter:in oder am vierundsiebzigsten Platz der Bezirksliste – wir müssen endlich aufhören, zu cool zu sein für Demokratie und Mitbestimmung.
Was sowieso immer wichtig ist: Wenn du Geld hast, spende an Organisationen und Initiativen, die gesellschaftlichen Wandel vorantreiben oder marginalisierte Gruppen unterstützen. Und: Geh auf die Straße! Es ist sicher bald wieder Donnerstag.
Mit einem letzten Zitat von Clarissa Pinkola Estés möchte ich diesen Newsletter abschließen – vielleicht inspiriert es dich auch so sehr wie mich: “When a great ship is in harbor and moored, it is safe, there can be no doubt. But … that is not what great ships are built for.” Den vollständigen Text findest du hier, ich möchte ihn dir wirklich ans Herz legen.
Wie geht es dir mit der politischen Lage in Österreich und dem Zustand unserer Welt? Was macht das alles mit dir und wie gehst du damit um? Welche Ideen hättest du, wenn dich jemand fragen würde? Wie wirst du die Welt um dich herum verändern? Möchtest du mir etwas sagen oder mich was fragen? Du kannst gerne einfach auf diese Nachricht antworten. Ich freue mich von dir zu hören :)
Vielen Dank fürs Lesen! Bis in zwei Wochen – wenn zwar noch immer Jänner ist, aber die Sonne dann immerhin schon eine Stunde und fünf Minuten länger scheint als im Dezember. ☀️
Alles Liebe,
Jakob
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Weise Worte <3 was mir Zuversicht macht, ist dass jetzt wo es in Österreich politisch so rechtsrumpeln wird – wir, oder die 70% der Wahlberechtigten die nicht rechtsradikal gewählt haben – also die Zivilgesellschaft die es gerne nicht autoritär hätte, wieder umso lebendiger wird und sich wehren wird! Vielleicht braucht es eben genau diesen Wachmacher..